Morgenandacht2

Amt und Gemeinde

einweih-11-06
Foto: privat

Unter den im Evangelischen Gottesdienstbuch (EGb) genannten »maßgeblichen Kriterien« für das Verstehen und Gestalten des Gottesdienstes heißt es zum Auftakt im Kriterium 1: »Der Gottesdienst wird unter Verantwortung und Beteiligung der ganzen Gemeinde gefeiert«. Erläutert wird diese Grundentscheidung mit den Worten: »Die Reformation hat das Priestertum aller Getauften neu zur Geltung gebracht. Daher ist die ganze Gemeinde für den Gottesdienst verantwortlich …«

Hier zeigt sich eine grundlegende ekklesiologische (das Kirchenverständnis betreffende) Weichenstellung.

In Konsequenz der theologischen Einsicht, dass alle Christen »durch die Taufe zu Priestern geweiht« sind (Martin Luther: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung, 1520), wird die Existenz eines eigenen Klerikerstandes verworfen und der Gegensatz zwischen Klerus und Laien für überholt erklärt.

Der Dienst der Verkündigung ist nach reformatorischem Verständnis der (ganzen) Gemeinde anvertraut. Das ist lutherisches Amtsverständnis. Amtsträger ist die Gemeinde! »Daß eine christliche Versammlung oder Gemeine Recht und Macht habe, alle Lehre zu beurteilen und Lehrer zu berufen, ein- und abzusetzen, Grund und Ursach aus der Schrift«. 1523) Die Gemeinde entscheidet nach den geltenden Bestimmungen, wer zum Dienst der Verkündigung berufen wird (rite vocatus). So sagt es Artikel 14 des Augsburger Bekenntnisses.

Barmen IV hat die Einsichten der Reformation in der damaligen zeitgeschichtlichen Herausforderung im Blick auf das Amtsverständnis noch einmal aktualisiert. Dort heißt es: »Jesus Christus spricht: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch; sondern wer unter euch groß sein will, der sei euer Diener (Mt 20,25-26). Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes.« (vgl. EG 810)

Lektorinnen und Prädikanten haben teil an dem für unsere Kirche konstitutiven Amt der − öffentlichen − Verkündigung und gehören insofern der Dienstgemeinschaft derer an, die verkündigen. Erkennt man die Beauftragung von Lektoren und Prädikantinnen als ordnungsgemäße Berufung (nach CA XIV) an, tritt man für eine differenzierte Dienstgemeinschaft von gemeinsam in unterschiedlicher Weise an der öffentlichen Verkündigung Mitwirkender ein. Das Predigtamt ist nach CA V prinzipiell auch Ehrenamtlichen zugänglich, die kein Theologiestudium absolviert haben.

Zur Ordnung des Dienstes:

In den rechtlichen Rahmenbedingungen unserer Landeskirche spiegelt sich ein bestimmtes Kirchenverständnis wider, sind Grundentscheidungen des Gemeindelebens berührt und wird versucht, die differenzierte Dienstgemeinschaft der in der öffentlichen Verkündigung Tätigen zu ordnen.

Entsprechend heißt es in der Verfassung unserer Landeskirche in Artikel 1: »Für die Erhaltung und Förderung der rechten Verkündigung des Wortes Gottes und der stiftungsgemäßen Darreichung der Sakramente sind die Landeskirche und die Kirchengemeinden mit all ihren Gliedern, Amtsträgern und Organen verantwortlich (1) … Zur Wahrnehmung dieser Verantwortung werden Kirchenglieder ehrenamtlich oder beruflich zum Dienst in der Kirche berufen … (3)« Abschließend heißt es dann: »Ehrenamtlicher und beruflicher Dienst sind in einer Dienstgemeinschaft aufeinander bezogen. Beide dienen mit gleichem Rang auf je eigene Weise dem Aufbau der Gemeinde Jesu Christi. (4)«

Die Kirchengemeindeordnung nimmt diese Spur ausdrücklich auf, wenn es dort heißt: »Unbeschadet der Verpflichtung jedes Kirchengliedes, das Evangelium zu bezeugen, sollen die öffentliche Verkündigung und die Sakramentsverwaltung in der Landeskirche und in den Kirchengemeinden nur mit rechtmäßigem Auftrag geschehen (Amt der Verkündigung).« § 16 KGO.

Lektorinnen und Prädikanten nehmen im Rahmen Ihres Dienstes und der Dienstgemeinschaft ein öffentliches Amt wahr. Sie sind für diese Aufgabe gezielt ausgebildet, mit Bedacht beauftragt und unter Gebet, Handauflegung und Segen eingeführt worden (s. Agende IV/1 »Berufung, Einführung, Verabschiedung«, S.106-116 und S.73-104). Das Kirchengesetz über die Beauftragung von Gemeindegliedern mit Aufgaben der öffentlichen Verkündigung − das Lektoren und Prädikantengesetz 450 − regelt die rechtlichen Dinge im einzelnen. Dazu gehören Verfahrensfragen, Fragen der Aufsicht und Fürsorge, Umfang und Dauer und Wirkungsbereich des Dienstes (pro loco et tempore), Fortbildungspflichten, Erstattungen usw. sowie Ordnungsfragen im Blick auf »die Förderung des Dienstes der mit den Aufgaben der öffentlichen Verkündigung beauftragten Gemeindeglieder.« (450-1).